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NWB-BB Nr. 2 vom Seite 40

Liquiditätsengpässe frühzeitig erkennen – Teil 1: Das verrät die GuV

Neue Checklistenreihe

Dipl.-Kfm. Carl-Dietrich Sander *

Für jeden Berater ist es wichtig, sich anbahnende Liquiditätsengpässe bei Mandanten möglichst frühzeitig zu erkennen. Diese Aufgabe läuft jedoch im Tagesbetrieb oftmals nur „nebenbei”, weil die „dringenden” Beratungsfälle im Vordergrund stehen. Konsequenz: Es wird Zeit für gezielte Aktivitäten verschenkt, weil eben doch erst aufgemerkt wird, wenn der Liquiditätsengpass vor der Tür steht. Vor diesem Hintergrund hat die „Fachgruppe Finanzierung-Rating” im KMU-Berater-Verband die Checkliste „Mögliche Früherkennungsmerkmale von sich anbahnenden Liquiditätsengpässen” entwickelt. Diese Checkliste besteht aus mehreren Teilen, die in den folgenden Ausgaben näher vorgestellt werden und im Folgenden mit der Betrachtung der GuV startet. Die Teil-Checkliste selbst steht Ihnen jeweils in der NWB Datenbank als Arbeitshilfe unterstützend zur Verfügung.

Liquiditätsengpässe erkennen – das verrät die GuV (Checkliste) NWB FAAAD-59590

I. Die Checklistenreihe im Überblick

Die Checklistenserie besteht aus vier Teilen, die Ihnen in den folgenden Ausgaben vorgestellt werden:


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Teil der Checkliste
Beitrag im Heft
Checkliste in der NWB Datenbank
GuV
NWB-BB 2/2011
Bilanz
NWB-BB 3/2011
Kontoführung
NWB-BB 4/2011
Qualitative Faktoren
NWB-BB 5/2011

II. Gründe für die Checkliste

Der frühe Vogel fängt den Wurm”, sagt der Volksmund. Auf unser Thema angepasst: „ Der frühe Unternehmer vermeidet den Liquiditätsengpass”. Also derjenige, der wirklich (!) frühzeitig merkt, dass mit seiner Liquidität „etwas nicht stimmt” – oder von seinem Berater darauf hingewiesen wird.

Dabei spielen das Bauchgefühl wie auch eine nüchterne Zahlen-Analyse eine gleich große Rolle. Wer kennt das speziell als Berater nicht: Man schaut auf die Zahlen des Mandanten und merkt, dass „irgendetwas” nicht (mehr) stimmt, ohne immer gleich sagen zu können, „was” genau das ist. Eine Checkliste kann an dieser Stelle helfen, das eigene Bauchgefühl per Kopf zu verproben und ihm auf den Grund zu gehen.

Für die „Fachgruppe Finanzierung-Rating” war diese Einschätzung und der Eindruck, dass die Kreditinstitute und wir Berater selbst oftmals zu spät auf Probleme hinweisen, der Impuls zum Erarbeiten der Checkliste.

III. Die GuV/BWA als Impulsgeber

Jeden Monat kommt sie auf den Tisch – die BWA! Und sie liefert wichtige Impulse für die Frage: Wie wird sich die Liquidität entwickeln – könnte es zukünftig enger werden?

1. Umsatzentwicklung und Gegensteuern

2009 war für viele Unternehmen ein Jahr mit Umsatzrückgängen – und damit mit steigendem Liquiditätsbedarf! Ein Effekt, der oftmals nicht sofort gesehen wird, der jedoch aus im wesentlichen vier Quellen gespeist wird:

  • Zukünftig fehlende Einzahlungen, weil geringerer Umsatz;

  • sich verzögernde Einzahlungen bereits jetzt, weil Kunden langsamer zahlen; oft begleitet von einem nicht konsequent durchgezogenen Mahnwesen;

  • unveränderte oder zumindest nicht schnell genug nach unten angepasste Warenbestände bzw. Halb- und Fertigfabrikat-Bestände;

  • unverändert weiter laufende Auszahlungen für Personal- und Sachkosten, weil der Anteil der variablen Kosten an den Gesamtaufwendungen meist überschätzt wird. Oder andersrum und hier von Bedeutung: Der Anteil der fixen Kosten, der ungeachtet der Umsatzentwicklung zu konstanten Auszahlungen führt, wird sträflich unterschätzt.

Im Gespräch mit Mittelständlern zeigt sich oft, dass diese Effekte nicht nur zu spät erkannt werden, sondern dass auch S. 41klare Gegensteuerungen schwer fallen, wobei dies durchaus möglich wäre. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit werden im Folgenden einige Maßnahmen genannt:

1.1 Fokus auf zahlungskräftige Kunden

Die Unternehmer sollten sich im Vertrieb auf diejenigen Kunden und Kundengruppen konzentrieren, die noch zahlungskräftig sind und mögliche Geschäftserweiterungen und Zusatzgeschäftschancen bieten.

Praxishinweise

Gehen Sie dabei am besten folgendermaßen vor:

  • Klärung der Frage nach den 10/20/30/... wichtigsten Kunden (je nach Kundenstrukturen) – und zwar nach Umsatz, nach Ertrag und nach weiteren Geschäftspotenzialen. Beim Umsatz hilft die Debitorenliste (oder der Controllingreport aus der DATEV-BWA). Der Ertrag muss oft abgeschätzt werden, weil keine Zahlen vorhanden sind. Hier hilft es, die Sichtweise der unterschiedlichen Funktionsträger im Unternehmen abzufragen und zusammenzuführen: Vertrieb, Produktion, Rechnungswesen und Chefsicht. Das gleiche gilt für die Frage nach weiteren Geschäftspotenzialen.

  • Neben den Einzelkunden sind die Kundengruppen für viele Unternehmen von großer Bedeutung. Eine Kundengruppe vereinigt alle Kunden, die an das Unternehmen gleichartige Anforderungen stellen und Bedürfnisse haben. Es sind die gleichen Fragen wie bei den wichtigsten Einzelkunden zu beantworten.

  • Anschließend ist zu klären, wie die knappen Ressourcen (siehe Kap. III.1.4) in Form von Marketingetat und Zeit der Mitarbeiter zielgerichtet eingesetzt werden sollen. [i]Bei der Einordnung der Kunden nach Relevanz unterstützt Sie das Berechnungsprogramm Kundenwertrechnung für KMU (MS-Excel), das Ihnen als Abonnent in der NWB Datenbank unter der NWB Dok-ID NWB NAAAD-33270 kostenlos zur Verfügung steht.

1.2 Forderungsmanagement optimieren

Die Unternehmer sollten den Forderungsbestand konsequent durchforsten und mahnen – ohne Angst vor dem Umsatzverlust (der Forderungsverlust ist meist teurer). Darüber hinaus sind auch zukünftige Forderungen wichtig. Daher: Neukunden konsequent auf Bonität prüfen – ggf. ein Geschäft besser nicht machen.

Praxishinweise

Beachten Sie hierzu bitte folgende Empfehlungen:

  • Mahnen heißt nicht unbedingt, gleich die „Keule” rauszuholen. Aber die höfliche Erinnerung gehört dazu – und zwar spätestens drei Tage nach Ablauf des Zahlungsziels. Und dann natürlich im 10-Tage-Abstand mit entsprechenden Eskalationsstufen.

  • Auch wichtig: Die Kunden mit Zahlungsverzögerungen genauer anschauen! Kann es sein, dass sich Negativmerkmale addieren (z. B. nicht nur schlechte Zahlen, sondern auch dauerndes Reklamieren, unfreundliche und unsympathische Kunden)? Die Zeit und Nerven, die diese Kunden kosten, sollten die Unternehmer in wichtige Kunden investieren – das würde Ertrag und Betriebsklima steigern. Man muss halt auch mal loslassen können!

  • Bonitätsprüfung bei Neukunden – und auch in bestimmten Abständen bei den großen Kunden (siehe Kap. III.1.1) ist eine elementare Aufgabe. Auch hier geht es um die Frühwarnfunktion, die Signale aus Büro- und Bankauskünften liefern. [i]Beim Forderungsmanagement unterstützt Sie das Berechnungsprogramm Forderungsmanagement mit Kennzahlen (MS-Excel), das Ihnen als Abonnent in der NWB Datenbank unter der Dok-ID NWB JAAAC-85999 kostenlos zur Verfügung steht.

1.3 Ressourcenbedarf überprüfen

Formulieren Sie klare Grenzen für die Bestände, die für die Leistungsfähigkeit wirklich erforderlich sind – ansonsten reduzieren.

Praxishinweis

Auch hier gilt es, die Sicht der verschiedenen Funktionen zusammenzuführen: Vertrieb, Produktion, Versand, Rechnungswesen.

1.4 Klare Kostenanalyse und Spielräume nutzen

Die Unternehmer sollten ihre Kosten überprüfen und dabei versuchen, eventuelle Ersparnisse umzusetzen. Aber nicht unnötig Zeit „verschwenden” für einige wenige Euro Ersparnis, sondern besser auf zahlungskräftige Kunden fokussieren (vgl. Kap. III.1.1).

Im Personalbereich sollte ein „Plan B” vorhanden sein: Welche Aktivitäten werden zu welchen Zeitpunkten angegangen, wenn „es nicht mehr so läuft” – vom Abbau von Überstunden bis hin zu einer klaren Vorstellung, welche Mitarbeiter aus betrieblicher Sicht (!) zuerst entlassen werden? Allerdings: Hier darf nichts unternommen werden, ohne zuvor einen Fachanwalt für Arbeitsrecht zu konsultieren, d. h. dieser ist bereits in das Erarbeiten des Plan B einzubeziehen. Das kostet zwar Honorar – erspart aber später hohe Aufwendungen an Zeit, Gerichtskosten und Abfindungen. [i]Bei der Kostenreduzierung unterstützt Sie die 9-teilige Checklistenreihe „Kostensenkung im Betrieb”. Teil 1 (Kostensenkung vorbereiten) finden Sie in der NWB Datenbank unter der NWB Dok-ID NWB LAAAC-32121, in dem auch rechts im Bereich „Weiterführende Links” auf alle weiteren Checklisten verwiesen wird.

Ist die Situation gemeistert, kommt womöglich mit der glücklicher Weise wieder anziehenden Umsatzentwicklung der nächste Liquiditätsbedarf: Die Reserven sind ausgeschöpft – und jetzt müssen die Warenbestände wieder aufgefüllt werden und die Forderungen steigen auch wieder. Hier hilft die weiterhin konsequente Beachtung der Aktivitäten zu den Kap. III.1.1 bis 1.3. S. 42

2. Verluste finanzieren

Sinkende Gewinne oder nicht zu vermeidende Verluste wollen finanziert sein. Jetzt kommt das Eigenkapital als Verlustdeckungspotenzial ins Spiel – oder auch nicht, wenn davon entschieden zu wenig vorhanden ist.

Der Blick sollte dabei nicht nur dem bilanziellen, sondern auch dem nicht-bilanziellen Eigenkapital zugewandt werden. Letzteres wird meistens in Form von Sicherheiten für Bankkredite aus dem Privatvermögen zur Verfügung gestellt.

Drei Handlungsfelder wollen wohl bedacht sein:

  • Die (vorübergehende) Reduzierung der Privatentnahmen in Einzelunternehmen oder Personengesellschaften bzw. die Reduzierung des Geschäftsführergehalts in der Kapitalgesellschaft.

  • Die Überprüfung möglicher Verträge zwischen Gesellschaft und Gesellschaftern (Mietverträge, Darlehensverträge, ...) im Hinblick auf die Reduzierung der Leistungen seitens der Gesellschaft, selbst wenn es nur vorübergehend ist (mit Prüfung eventueller steuerlicher Konsequenzen).

  • Die Zuführung weiteren Eigenkapitals in Form von konkreten Einzahlungen als Eigenkapital, Darlehen seitens der Gesellschafter und Mitteln Dritter.

Nicht zu vergessen – zumindest im „fortgeschrittenen” Stadium – ist die nüchterne Prüfung einer geordneten Abwicklung, wenn weiterer Mittelzufluss nur bedeuten würde, Geld zu verbrennen.

3. Cashflow im Auge behalten

Die Ermittlung des Cashflow selbst in seiner einfachsten Form macht sehr schnell deutlich, wie sich die Liquiditätssituation entwickelt. Bereits eine leichte Reduzierung des Liquiditätsüberschusses sollte zum Innehalten und Gegensteuern veranlassen. [i]Für die Berechnung des Cashflow steht Ihnen als Abonnent das Berechnungsprogramm Cashflow-Rechnung für KMU (MS-Excel) unter der NWB Dok-ID NWB OAAAD-39048 kostenlos in der NWB Datenbank zur Verfügung


Tabelle in neuem Fenster öffnen
Übersicht: Cashflow – der einfachste Rechenweg
Jahresüberschuss (ggf. bereinigt um außerordentliche Erträge/Aufwendungen)
+
Abschreibungen Sachanlagevermögen
=
Cashflow
-
Entnahmen (+ ggf. Einlagen) bzw. Ausschüttungen
-
Regelmäßige Ersatzinvestitionen (damit es nicht zu einem Investitionsstau kommt)
-
Darlehenstilgungen
=
Liquiditätsüberschuss

4. Kapitaldienstfähigkeitsberechnung der Banken nachvollziehen

Neben einer ausreichenden Ratingnote ist die gegebene „nachhaltige” Kapitaldienstfähigkeit für Kreditinstitute heute eine „conditio sine qua non” für die Kreditentscheidung. Auch wenn die Banken die Kapitaldienstfähigkeit nach z. T. unterschiedlichen Schemata rechnen – die dargestellte Cashflow-Rechnung ist immer die Basis. [i]Herke, Bonität nachweisen mit Kapitaldienstfähigkeit und Cashflow-Rechnung, NWB-BB 4/2010 S. 111 NWB DAAAD-39698.

Daher sollte der Unternehmer mit einer eigenen Cashflow-Rechnung in das Bankengespräch gehen und die ggf. vorhandenen Unterschiede diskutieren. So erhält er für die Zu-kunft die Chance, die Entscheidung seiner Kreditinstitute auf eine Kreditanfrage besser einschätzen zu können und damit seine Vorbereitung auf Kreditgespräche zu intensivieren.

Das gleiche gilt natürlich für die Kommunikation über das Rating. Dass sich in diesem Themenbereich für den Berater viele Unterstützungsansätze anbieten, versteht sich von selbst – beispielsweise:

  • Cashflow-Berechnung,

  • Diskussion von Handlungsmöglichkeiten,

  • Vorbereitung auf Bankengespräche,

  • Begleitung von Bankengesprächen.

Ein ergänzendes Wort zur „Nachhaltigkeit” der Kapitaldienstfähigkeit: Zuerst erfolgt natürlich die Berechnung auf Basis der aktuell vorliegenden Zahlen – also für die Vergangenheit. Je „knapper” diese Zahlen ausfallen, desto häufiger verlangen Kreditinstitute heute Planzahlen für ein bis drei Jahre, die als Basis für die Ermittlung der zukünftigen/wahrscheinlichen Kapitaldienstfähigkeit dienen. Das jedoch wäre ein weiteres Thema: Wie erstelle ich eine aussagefähige Ertragsplanung? [i]Vgl. hierzu die „Checkliste zur Ertragsplanung in KMU-Unternehmen”, die ebenfalls von der Fachgruppe Finanzierung-Rating im KMU-Berater-Verband e. V. erstellt wurde. Download unter www.kmu-berater.de → Service - Aktuell → Downloads.

Fazit

Monatlich eine Stunde Zeit konzentriert in die Auswertung der BWA unter Liquiditätsgesichtspunkten zu investieren, ist lohnend. Die Breite der möglichen Signale betrifft eben nicht nur das, was heute auf dem Geschäftskonto ist – und vielleicht bald nicht mehr –, sondern die ganze Vielfalt des Geschäfts, wie der Handlungskatalog mit den Punkten Kundenpotenziale, Kundenforderungen, Bestände, Sachkosten und Personalkosten gezeigt hat. Nur wer frühzeitig handelt, kann agieren. Alle anderen reagieren – und befinden sich dann meist bereits in einer Engpass-Situation.

Autor

Dipl.-Kfm. Carl-Dietrich Sander
war Vorstandsmitglied einer Bank und ist seit 1998 freiberuflicher UnternehmerBerater in Neuss. Darüber hinaus leitet er die Fachgruppe Finanzierung-Rating im KMU-Berater-Verband freier Berater e. V. (www.kmu-berater.de) und ist Moderator, Referent und Autor (www.cd-sander.de).

Fundstelle(n):
NWB-BB 2/2011 Seite 40
CAAAD-59886