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StBMag Nr. 12 vom Seite 28

Problemfall Factoring?

Die Weitergabe offener Forderungen an einen Factorer ist seit wenigen Jahren für Steuerberater möglich – aber das Instrument wird bislang nur selten genutzt

Claas Beckmann

Der Forderungsverkauf als Finanzierungsinstrument ist auf dem aufsteigenden Ast. Aber in der Steuerberatung ist dieser Trend nicht zu beobachten. StBMag geht den Gründen dafür nach.

Factoring boomt. Die Branche setzte im ersten Halbjahr 75,6 Mrd. Euro um. Das teilt der Deutsche Factoring Verband mit, dessen Mitglieder rund 90 Prozent des deutschen Factoring-Volumens bedienen. Die Factoring-Quote stieg erneut auf einen Höchstwert von aktuell 6,5 Prozent, das heißt: 6,5 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts werden über Factoring finanziert.

Und Factoring für Steuerberatungskanzleien? Die Anbieter für diese Nische des Factoring-Markts geben keine Zahlen heraus. „Bei den Steuerberatern sind es sehr wenige”, sagt immerhin Dr. Lars Meyer-Pries, Leiter in der Entwicklung der Datev. „Auf Seiten der Mandanten wächst die Nachfrage kontinuierlich.” Und Jochen Stepp von der Degev, der Deutschen Genossenschaftliche Verrechnungsstelle für Steuerberater e.G., kann auf S. 28ein gestiegenes Volumen der angekauften Forderungen ver - weisen: von fünf Millionen Euro zu Jahresbeginn ist die Summe inzwischen auf 15 Millionen Euro gewachsen.

Die Datev selbst bietet kein Factoring an, sondern hat ihr Engagement auf die technische Unterstützung konzentriert. „Wir führen Datev Factoring als Schnittstellenpartnerschaft weiter. Das heißt, wir bieten eine technische Lösung an, die für Factoring-Kunden, die mit einem dieser Partner zusammenarbeiten, den digitalen Datenaustausch und die Übernahme in das Rechnungswesen möglichst komfortabel gestaltet”, sagt Meyer-Pries.

Im Vergleich zu anderen Branchen kommt das Factoring für Steuerberater nicht aus den Startlöchern. Neben der Zurückhaltung der Zielgruppe haben auch externe Gründe die Markteinführung erschwert.

Nachdem das Factoring durch das achte Steuerberatungsänderungsgesetz 2008 erlaubt wurde, stand auch schon die Finanzmarktkrise in der Tür. In deren Zuge haben die Kredit - versicherer wie Euler Hermes, Atradius oder Coface ihre Be - wertungskriterien verschärft und sich aus vielen Wirtschaftsbereichen zurückgezogen. „Ganze Branchen wurden nicht mehr versichert”, erinnert sich Jochen Stepp, „darunter die Elite des deutschen Mittelstands. Plötzlich waren Automobilzulieferer so schlecht bewertet wie Gastronomen.” Die Factoring- Anbieter mussten ihre noch taufrischen Produkte umstellen. 2009 wurde mit dem Jahressteuergesetz Factoring als Finanzdienstleistung qualifiziert und somit unter Aufsicht der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) gestellt. Für die Factoring-Anbieter bedeutete das einen erneuten organisatorischen Aufwand. Diese Schwierigkeiten sind überwunden. Was bleibt sind die Mühen der Marktdurchdringung. Mit den folgenden Argumenten werden die Anbieter durch Steuerberater und Steuerberaterinnen konfrontiert:

Portfolio

Meine guten Mandanten möchte ich nicht ins Factoring geben, sie zahlen zuverlässig und auch meist per Bankeinzug. Meine echten Problem-Kandidaten nimmt mir aber keine Factoring- Gesellschaft ab. Wo bleibt da mein Nutzen?

„Würde der Factor nur Problem-Kandidaten annehmen, wäre das ein sehr unattraktives Portfolio und eine unakzeptable Risikoverschiebung. Aus Kundensicht mag das interessant erscheinen, für Factoringgesellschaften hingegen nicht”, sagt Meyer-Pries.

Im Klartext: Kein Factor will einen Korb Zitronen kaufen, er braucht das Gesamtportfolio, um seine Kosten zu decken und für seine Marge. In der Regel wollen Factoring-Anbieter alle Forderungen sehen und kaufen dann die Forderungen an, bei denen der Schuldner die Bonitätsprüfung besteht. Wenn optional ausgewählte Forderungen aus dem Factoring herausgehalten werden können, muss der Kunde das in der Regel mit teureren Konditionen für die angekauften Forderungen bezahlen.

Kosten

Factoring ist mir zu teuer. Drei Prozent der Forderung als Factoringgebühr und Zinsen für die Bereitstellung der Liquidität für einen früheren Zahlungseingang? Das sehe ich nicht ein.

Wem Eigenkapital fehlt, hat die Wahl zwischen kreditfinanzierter Liquidität und Factoring. Gelegentliche Finanzlücken sind mit Kontokorrent schnell überbrückt. Wiederkehrende Finanzlücken werden mit Kontokorrent auch schnell teuer, wenn man sich Beispielswerte ansieht: durchschnittlicher Forderungsausfall 4 Prozent, Zahlungseingang nach 45 Tagen, 11 Prozent Kreditzinsen.

„Wie teuer ist denn die Alternative?”, fragt auch Jochen Stepp. Zwei Punkte würden bei der Kalkulation oft übersehen: Zum einen setzen viele die Kosten für Liquidität und das eigene Forderungsmanagement zu niedrig an. Zum anderen würden oft die Opportunitätskosten nicht bedacht. „Wer Geld auf dem Konto hat, kann investieren: in Neukunden-Akquise, in Ausbau und Modernisierung oder Marketing. Auch die Rendite dieser Maßnahmen sollte bei der Kostenbetrachtung beachtet werden.”

Im Klartext: Kostenfreies Factoring gibt es nicht. Ob sich die Kosten für das Factoring rentieren, ist eine kanzleiindividuelle Entscheidung.

Erleichterung

Ich habe wenig Aufwand mit meinem Forderungsmanagement. Von der Leistungserfassung bis zum Mahnlauf ist der Vorgang völlig digital und weitgehend automatisch. Die zwei Stunden Per-S. 28sonalaufwand im Monat dafür finde ich vertretbar. Ich sehe da keine Erleichterung durch Factoring für mich.

„Es gibt Kanzleien, die brauchen einfach kein Factoring”, sagt Stepp. Bei diesen handelt es sich meist um gut geführte, meist mittlere und größere Kanzleien mit genügend Personal, finanziellen Ressourcen und einer starken DV-basierten und weit - gehend automatisierten Leistungsabrechnung. Aber nicht auf alle Kanzleien träfe dieser Wunschzustand zu. Und es gehe nicht nur um Arbeitserleichterung. „Es ist schon ein angenehmes Gefühl, keine Außenstände zu haben”, sagt Stepp. „Und ich kann beruhigt die schleppend zahlenden C-Mandanten weiter bearbeiten, denn wenn deren Bonität in Ordnung ist, sorgt ja der Factor für den pünktlichen Zahlungseingang.”

Kanzleiberater Josef Weigert aus Neumarkt in der Oberpfalz bearbeitet das Thema Liquidität mit seinen Kunden. „Mahnwesen, Eintreibung, Telefonate, Anschreiben, diese und weitere Maßnahmen optimieren wir, um das Cash-Management der Kanzleien zu verbessern”, sagt er. Sein Ziel: Die Außenstände der Kanzleien unter die Marke eines Monatsumsatzes zu bringen. Oft sind es schon einfache Maßnahmen, die die Liquidität verbessern. „Säumige Zahler sollten immer von Kanzleimitarbeitern und nicht dem Chef oder der Chefin angerufen werden”, rät Weigert etwa. „Telefonische ad-hoc-Entscheidungen des Beraters sind meistens schlecht, weil sie zu oft zu Gunsten des Schuldners ausfallen.” Mitarbeiter hingegen müssten sich in solchen Fragen immer erst bei der Kanzleileitung rückversichern und so werde das Tempo herausgenommen.

Im Klartext: Factoring ist kein Muss und nicht der allein selig machende Königsweg zur Liquidität.

Dienstleistung

Wir bieten unseren Mandanten an, ihren Zahlungsverkehr zu automatisieren und das Mahnwesen für sie zu übernehmen. Ich kann das nur schwerlich verkaufen, wenn ich gleichzeitig mein eigenes Forderungsmanagement an einen Dritten auslagere. Das hieße ja, ich traue es mir selbst nicht zu.

Auch Kanzleiberater Josef Weigert sieht hier einen Widerspruch: „Wie soll ein Steuerberater diese Dienstleistungen nach außen anbieten, wenn er es für seine Kanzlei extern erledigen lässt? Das ist ein Angriff auf die eigene Glaubwürdigkeit.”

Im Klartext: Wer für seine Mandanten das Forderungsmanagement erbringen will, sollte auch das eigene Forderungsmanagement kanzleiintern erledigen.

Image

Ich halte Factoring für nicht vereinbar mit dem Image des Steuerberaters. Wie soll ich die Belange eines Mandanten bei der Bank vertreten, wenn der Banker weiß, dass ich meinen Laden nicht im Griff habe? Wichtiger noch: Jede Andeutung, dass mit meiner Liquidität etwas nicht stimmt, muss vermieden werden.

Der letzte Punkt ist unstrittig. Auch dem ersten Teil dieser Einschätzung stimmt Meyer-Pries zu: „Das kommt tatsächlich häufiger als Argument und bedeutet, dass sich anderswo akzeptierte Modelle, zum Beispiel bei den Ärzten, aus Image- Gründen noch nicht im Berufsstand durchgesetzt haben.”

Der Vergleich mit den Ärzten kommt oft, hinkt aber etwas, da sich die Ärzte außerhalb ihre Kompetenzbereichs unterstützen lassen. Factoring ist aber ein Produkt, das innerhalb des Kompetenzbereichs der steuerberatenden Berufe liegt. Image- Bedenken sind da ernster zu nehmen.

Trotzdem: Ein Image kann sich ändern. Leasing zum Beispiel wird heute ganz nüchtern erwogen, während es früher als Ausweis mangelnder Zahlungsfähigkeit galt. Meyer-Pries fügt an: „Warum sollte ein Berufsträger nicht genauso auf Factoring setzen wie andere Wirtschaftsunternehmen auch?” Von Problemen mit dem Ansehen bei der Bank haben nach Meyer-Pries Angaben aber noch keine Factoring-Kunden berichtet. „Für Finanzexperten ist Factoring einfach ein Werkzeug, das unter anderem dank der Vorabprüfung und der begleitenden Beobachtung durch den Factor einen saubereren Umgang mit Risiken offenbart und ermöglicht”, sagt er.

Jochen Stepp will das Image-Argument nicht gelten lassen. Er sieht Steuerberater auch in der Pflicht, sich näher mit dem Factoring zu beschäftigen, nicht zuletzt um es Mandanten als Finanzierungsalternative eröffnen zu können. „Gerade Banken unterstützen Factoring”, sagt er. „Im Zusammenhang mit Basel III führt es zu einem besseren Rating: keine Außenstände, bessere Bilanz, mehr Zeit für die eigentlichen Unternehmensaufgaben. Kein Bankberater kann da etwas gegen haben.”

Im Klartext: Seine Image-Probleme hat das Factoring noch nicht vollständig abgelegt, trotz zunehmender Verbreitung in der allgemeinen Wirtschaft.

Die Akzeptanz steigt langsam

Factoring für die Steuerberatung ist erst seit gut drei Jahren möglich. Prof. Axel Pestke, Hauptgeschäftsführer des DStV, sieht die Akzeptanz- und Image-Probleme allmählich schwinden: „Die anfängliche Skepsis teile ich heute nicht mehr. Die Wirtschaft und die Unternehmen haben sich insgesamt professionalisiert und organisieren heute auch ihr Forderungsmanagement anders als früher”, sagt er. Factoring sei ein legitimes und vom Gesetzgeber gewolltes Finanzierungsinstrument. „Ich glaube, Steuerberater und Steuerberaterinnen setzen sich mit Factoring nicht zwangsläufig in ein schlechtes Licht.”

Argumente für Factoring haben besonders die Anbieter und Vermittler reichlich – was ihnen fehlt, sind Kunden. Vielleicht ist es an der Zeit, die Entscheidung über Factoring so sachlich und leidenschaftslos zu betrachten wie etwa einen Kauf-Leasing- Vergleich. Damit Sie diese Entscheidung fundierter treffen können, bietet das SteuerberaterMagazin einen Leistungsvergleich der Factoring-Anbieter zum Download an.

Jochen Stepp von der Degev sieht im Factoring ein unterschätztes Instrument.

Dr. Lars Meyer-Pries ist Leiter in der Entwicklung bei der Datev.

Prof. Axel Pestke, DStV-Hauptgeschäftsführer, sieht die Bedeutung des Factorings steigen.S. 29

Smart-Collect – Handelsbörse für Forderungen

Mit einer interessanten Idee tritt der Hamburger Steuerberater und Wirtschaftsprüfer Berthold R. Metzger an, um scheinbar uneinbringliche Forderungen doch noch zu realisieren: Smart-Collect heißt das System, bei dem durch den Austausch von Gläubigern Bewegung in festgefahrene Forderungssituationen kommen soll.

Metzger hat einen Online-Marktplatz gegründet, auf dem Forderungen gegen einen Abschlag an einen Dritten verkauft werden können. Das Konzept funktioniert mit titulierten und untitulierten Forderungen. Die Käufer können Unternehmen sein, die entweder gegenüber dem Schuldner selbst Verbindlichkeiten haben oder an Waren oder Dienstleistungen des Schuldners interessiert sind – und die dann die Möglichkeit der Aufrechnung nutzen können.

Ein Produkt der Erfahrung

„Not macht erfinderisch”, sagt Metzger über seine Idee, die er schon mehrfach eingesetzt hat, bevor er sie jetzt als Geschäftsidee angegangen ist. Und mit Not meint Metzger den Umstand, dass sich viele Forderungen trotz juristisch bester Aussichten nicht realisieren lassen. Gerichtsverfahren seien oft teuer und langwierig, und selbst ein gerichtlicher Erfolg würde oft durch die Insolvenz des Schuldners zu einem Pyrrhussieg. Und: „Bei neun von zehn Vollstreckungen gehen Gerichtsvollzieher ohne einen Cent wieder raus”, sagt er.

Durch das Angebot von Smart-Collect wird der ursprüngliche Gläubiger durch einen zweiten Gläubiger ersetzt, der wie eingangs erwähnt, entweder bem Schuldner eine Rechnung offen hat oder dort Waren oder Dienstleistungen einkauft und mit der erworbenen Forderung aufrechnet, anstatt mit Geld zu bezahlen. Da der ursprüngliche Gläubiger seine Forderung auch unter Nominalwert verkaufen kann, können die neuen Gläubiger so zu einem Rabatt kommen, wenn sie die eingekaufte Forderung beim Schuldner zur Aufrechnung nutzen. Auf dem Online-Marktplatz können Interessenten angebotene Forderungen nach Ort, Höhe und Branche herausfiltern.

„Ein dolos handelnder Schuldner kommt somit unter Druck, sein Geldhahn wird zugedreht. Das ist für alle Beteiligten eine neue Situation”, sagt Metzger. „Und nicht dolos handelnde Schuldner würden oft gern ihre Schulden begleichen, indem sie etwa Waren aus ihrem Lager abgeben oder ihre Dienstleistung erbringen.”

Als weiteren Vorteil sieht Metzger, dass bei seiner Lösung eine größere Insolvenzsicherheit gegeben sei. „Insolvenzverwalter können Handlungen eines Schuldners anfechten und für einen Zeitraum von bis zu zehn Jahren bereits gezahltes Geld wieder zurückfordern. Unser Modell setzt auf eine Handlung des Gläubigers, die auf diese Weise nicht vom Insolvenzverwalter anfechtbar ist”, sagt er.

Der Marktplatz wird von der Smart-Collect GmbH & Co. KG betrieben. Smart-Collect identifiziert im ersten Schritt Käufer und Verkäufer. Das Geld und die Dokumente werden zur Sicherheit über das Treuhandkonto der PW AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft transferiert. Für die Abwicklung fallen sechs Prozent des nominalen Forderungsbetrags an.

Seit Oktober ist der Internet-Marktplatz online. Schwung erhofft sich Metzger durch eine erste Kooperation mit Generali Versicherungen, die ihren Unternehmenskunden die Dienstleistung von Smart-Collect vorstellt und mit einem Rabatt anbietet.

Über Berthold R. Metzger

Die PW AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft hat ihren Sitz in Hamburg und ist mit weiteren Standorten in Berlin und New York vertreten. Sie ist nach eigenen Angaben als Treuhänderin für ein Anlagevolumen von 130 Mio. Euro verantwortlich. Metzger ist Vorstand der PW AG und als Gesellschafter an Smart-Collect beteiligt.

www.pw-ag.de

www.smart-collect.de

StB Berthold R. Metzger von der PW AG, Hamburg.

Fundstelle(n):
StBMag 12/2011 Seite 28
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